Thema „Wahn.Sinn“

Die nächste öffentliche Tagung zum Thema »WAHN.SINN« findet am 27./28. Januar 2023 im Bürgerhaus am Seepark statt.

Das Tagungsprogramm können Sie sich hier herunterladen.

Die Großen Arbeitstagungen des
Freiburger Arbeitskreises Literatur & Psychoanalyse
werden regelmäßig jedes zweite Jahr durchgeführt.

Der Arbeitskreis veranstaltet im Turnus von zwei Jahren – jeweils an einem Wochenende im Januar  – eine »Große Arbeitstagung« in Freiburg im Breisgau im Bürgerhaus am Seepark. Zehn bis zwölf Referenten (Psychoanalytiker und Literaturwissenschaftler) tragen zu einem vereinbarten Rahmenthema vor, nach den Vorträgen besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Jeweils alternierend mit diesen Tagungen finden – ebenfalls zu vereinbarten Rahmenthemen – nicht-öffentliche Arbeitsgespräche im engeren Kreis statt.
Die Einladungen und Programme für die »Großen Arbeitstagungen« werden per E-Mail im Oktober des Vorjahres verschickt. 

Veranstalter
Dominic Angeloch / Ortrud Gutjahr / Tatjana Jesch / Helga Kremp-Ottenheym / Joachim Küchenhoff / Astrid Lange-Kirchheim / Joachim Pfeiffer / Carl Pietzcker / Petra Strasser


WAHN.SINN
Psychotisches Erleben berührt Grenzphänomene. Die Grenzen zwischen dem Selbst und dem Anderen werden prekär und lösen sich auf. Psychotisches Denken zielt auf Grenzerfahrungen, befasst sich mit Leben und Tod, mit Himmel- und Höllenfahrt, Zerstörung und Erlösung. Die Grenzen der Vernunft werden ausgelotet. Die Sprache kann fremd werden, die Worte können zerfallen oder sich neu formieren, dem Denken eröffnen sich neue Bedeutungen, alte werden verschlossen. Die natürliche Selbstverständlichkeit und macht dem Fragen, der Angst, dem Geheimnis Platz.
Die Psychoanalyse hat deutlich gemacht, dass der Wahn durchaus Sinn ergibt. Im psychotischen Erleben erkennt sie nicht nur Defizite, sondern auch Möglichkeiten, etwa den Versuch, schwerste Erfahrungen zu bearbeiten. Zugleich würdigt sie Leiden und Zerstörungskraft in lang anhaltenden psychotischen Erkrankungen und sucht therapeutische Wege, mit ihnen umzugehen.
Weil psychotisches Erleben grenzwertig ist, Grenzen auslotet, auflöst oder überschreitet, ist es immer Gegenstand der Literatur gewesen. Viele Autor*innen haben sich dem psychotischen Erleben als einem anderen, fremden und faszinierenden Erleben zugewandt. Andere haben ihr eigenes psychotisches Erleben zum Gegenstand literarischer Zeugnisse gemacht. Literatur arbeitet daran, die Ausgrenzung psychotischen Erlebens rückgängig zu machen, indem das psychotische Sprechen als literarische Form normalisiert wird oder die Literatur die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit aufhebt. Der Wahn als Thema oder Form der Literatur transzendiert dabei auch die Grenzen der Gattungen; Phänomene des Wahns finden sich nicht nur in der Prosa, sondern auch im Drama oder in der Lyrik. Literaturwissenschaft und Psychoanalyse ringen beide um die Grenzen zwischen Wahn und Sinn. In unserer Tagung wollen wir psychotische Ausdrucksformen als Grenzfälle oder Erweiterungen des Ausdrucksvermögens verstehen und ihren Sinn oder Nicht-Sinn ausloten. Literarische Texte an diesen Grenzen weisen uns dabei ebenso den Weg wie psychoanalytische Konzepte, zugleich kommentieren und durchdringen sie einander in einem spannenden Wechselspiel.

Literatur zu den Vorträgen

Achim Geisenhanslüke: Der Irrsinn der Deutung. Paranoia bei Kant, Freud und Nabokov

  • Sigmund Freud: Psychoanalytische Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia
  • Daniel Paul Schreber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
  • Vladimir Nabokov: Pale Fire

Juliane Prade-Weiss: Wahnsinn und Weiblichkeit in der Tragödie. Orestie, Medea, Macbeth

  • Aischylos: Orestie
  • Euripides: Medea
  • Shakespeare: Macbeth.

Joachim Küchenhoff und Rolf-Peter Warsitz: Die Enden des Subjekts und die Parabeln des Begehrens

  • Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel. Gravity’s Rainbow. Aus dem amerikanischen Englisch von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz (z.B. Rowohlt Taschenbuch 1994)
  • Hörspielbearbeitung, Musik und Regie: Klaus Buhlert. Mit Bibiana Beglau, Felix Goeser, Frank Pätzold, Corinna Harfouch, Jens Harzer, Manfred Zapatka u. v. a 13 CDs, 811 Minuten, Produktion SWR und DLF, zusammen mit Hörbuch Hamburg, ISBN 978-3-95713-131-7

Gunzelin Schmid Noerr: Zerrissenes Selbstgefühl. Hegel und der Wahnsinn

  • Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften Bd. III. In Werke in zwanzig Bänden, , Bd. 10: § 407-408 Selbstgefühl.

Martin von Koppenfels: Don Quijote und der andere Pasamonte. Wahn und Wahnparodie in der Frühen Neuzeit

  • Cervantes, Don Quijote von der Mancha, übers. v. Susanne Lange, 2 Bände, München: Hanser 2008.
  • Jerónimo de Pasamonte, Vida y trabajos, hrsg. v. J. A. Sánchez Ibáñez und A. Martín Jiménez, Alicante 2017.

Dominic Angeloch: „Something very wrong with almost everything“. Robert Aickmans Poetik psychischer Realität:

  • Robert Aickman: The Wine-Dark Sea. London (Faber & Faber) 2014, besonders die Erzählung „Growing Boys“, S. 146-219.
    In deutscher Übersetzung erschienen sind die Bände:
  • Robert Aickman: Glockengeläut. Makabre Erzählungen. Aus dem Englischen von Susanne Tschirner. Köln (DuMont) 1991.
  • Robert Aickman: Schlaflos. Makabre Erzählungen. Aus dem Englischen von Reinhard Merker. Köln (DuMont) 1992.

Uta Karacaoğlan: Sein im Nicht-Sein. Psychose und Der Unsterbliche von Jorge Luis Borges

  • Jorge Luis Borges (1949): Der Unsterbliche. In: Ders.: Das Aleph. Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch Verlag), S. 11-28.

Johannes Döser: «Von einer Wöllt zur anderen». Der Psychiater, der Narr und der Dichter als Zersetzer des Wahns.

  • Friedrich Nietzsche: Dionysos-Dithyramben
  • Georg Büchner: Lenz
  • Friederike Mayröcker (2001) Mein Herz. Mein Zimmer. Mein Name. Suhrkamp Frankfurt
    Ein musikalisches Hörspiel über Finnegans Wake:
  • John Cage: Cage Roaratorio. Ein Irischer Circus über Finnegans Wake. Aufnahme vom Festival „Acht Brücken – Musik für Köln“ in der Hochschule für Musik und Tanz Köln am 4. Mai 2012

Helga Kremp: Gespenster der Liebe. The Turn oft he Screw

  • Henry James: The Turn of the Screw; DT: Das Durchdrehen der Schraube. Eine Geistergeschichte

Die Rahmenthemen der letzten öffentlichen Tagungen:

2020: Religion und Gewalt
2018: Angst
2016: Altern

2014: Interkulturalität. Konstruktionen des Anderen
2012: Scham
2010: Kindheiten
2008: Körper.Konstruktionen

Dörte Hinrichs‘ Beitrag vom 30. Januar 2020 »Religion und Gewalt.Von Wortgewalt bis Terror« für den Deutschlandfunk zur Tagung 2020 »Religion und Gewalt« finden Sie hier zum Nachlesen und zum Nachhören.

Dörte Hinrichs‘ Beitrag vom 04. Februar 2016 »Die Psychoanalyse entdeckt die Senioren. Spätes Alter statt früher Kindheit« für den Deutschlandfunk zur Tagung 2016 »Altern« finden Sie hier zum Nachlesen und zum Nachhören.

Hier finden Sie die Besprechung der Tagung »Altern« 2016 von Christine Richard in der Basler Zeitung.

Dörte Hinrichs‘ Beitrag vom 30. Januar 2014 »Wieso wir Angst vor Dem Fremden haben – Konstruktionen des Anderen. Über den Umgang mit dem Fremden« für den Deutschlandfunk zur Tagung 2014 »Interkulturalität« finden Sie hier zum Nachlesen und zum Nachhören.

Hier finden Sie die Besprechung der Tagung »Scham« 2012 von Christine Richard in der Basler Zeitung.

Dörte Hinrichs‘ Beitrag »… und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren< – Der Freiburger Arbeitskreis ›Literatur und Psychoanalyse‹ zur Grenze des Schamgefühls« für den Deutschlandfunk zur Tagung 2012 »Scham« finden Sie hier zum Nachlesen oder auf der Seite des Deutschlandfunks.

Hier finden Sie außerdem einen Beitrag des Deutschlandfunks über die Tagung »Kindheiten« 2010 von Dörte Hinrichs und Hans Rubenich.

Den Beitrag zur Tagung 2006 »Freuds Aktualität – Jahrestagung des Freiburger Arbeitskreises Literatur und Psychoanalyse« aus dem Deutschlandfunk finden Sie hier.

Besprechungen zurückliegender Tagungen:

1. Dominic Angeloch: »Freiburger Arbeitskreis Literatur & Psychoanalyse: »Kindheiten«, in: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 64 (2010), S. 465-468.
Die Besprechung können Sie hier lesen. Bitte beachten Sie: Der Nachweis am Ende des Dokuments ist nicht korrekt, Nr. 5 muss korrigiert werden in Bd. 64 (2010).

2. Harald Weilnböck: »Zur Freiburger Tagung ‚Freuds Aktualität’ im Januar 2006«. Tagung des Freiburger Arbeitskreises Literatur und Psychoanalyse, in: Psyche 60 (2006), H. 7, S. 674-678.

3. Harald Weilnböck: »’Fremde’. Tagung des Freiburger Arbeitskreises Literatur und Psychoanalyse, Februar 2001«, in: Psyche 56 (2002), H. 1, S. 84-87.